Inder warten auf den Bankautomaten

Auf der Suche nach Bargeld in Indien

Der Reisebus holpert über den staubigen Asphalt der indischen Wüste von Rajasthan. Das nächste Ziel: ein ATM. Es sind besondere Tage für Indien. Der Premierminister Modi hat alle Geldscheine mit einem Wert größer 100 Rupi für ungültig erklärt. Alle alten Scheine sollen aus dem Verkehr gezogen und durch neue ersetzt werden. Die Absicht ist, Inhaber von unbekannten Gelddepots von Schwarzgeldern zu zwingen, diese auf ihre Bankkonten einzuzahlen. Wer diesem nicht nachkommt und die Frist verstreichen lässt, dem bleibt nur der Materialwert des Papiers. Aber es sind wirklich alle betroffen, denn ab jetzt hat nur noch Kleingeld einen baren Wert.

Im Hotel gab es gestern Abend das Gerücht von Unruhen in New Delhi, dass die Bevölkerung sich der Waren bemächtig ohne zu bezahlen. Es war der 8. November, als es los ging. Das war auch der Tag, an dem wir um 3:30 Uhr mit dem Flieger aus Düsseldorf in Delhi landeten. Was macht man, wenn man in einem fremden Land ankommt, man sucht einen Geldautomaten, um die Devisen des Landes zu bekommen. Bei welchem Automaten, der auf dem Flughafen zur Verfügung stand, ich es auch versuchte, stand immer die selbe Nachricht auf dem Display „Außer Betrieb! Versuchen Sie es bitte ein anderes mal.“ Ich verstand es in dem Moment nicht. Andere aus der Reisegruppe erzählten von der Wechselstube, der das Kleingeld ausgeht und wo nur noch maximal 20€ getauscht wurden. Leider konnten wir noch nicht ahnen, wie wichtig es gewesen wäre, diese 20€ bei der letzten Wechselstube am Flughafen zu tauschen. Als wir mit unserem Reisemanager zusammenkamen, erzählte er uns den Hintergrund. Den Abend zuvor verkündete der Primierminister in seiner 4 minütigen Ansprache an sein Volk, dass alle Geldnoten von 500Rupi, 1000Rupi und höher nicht mehr offizielles Zahlungsmittel sind und mit einer Frist bis zum 30. Dezember in den Banken zu den Konten einzahlbar sind. Neue Banknoten würden in Kürze ausgegeben.

Karte als einziges Zahlungsmittel

Im Hotel konnte man mit Kreditkarte bezahlen. Trotzdem merkte wir die Umstellung bei jeder Situation, wo es in Indien üblich ist, ein kleines Trinkgeld zu überreichen. Dem Kofferträger konnte ich noch 50Euro-Cent geben, danach konnte ich nur sagen „Sorry, I have no money – the ATMs gave me nothing.“ Um den peinlichen Situationen auszuweichen, bestand ich darauf, den Koffer selber zu ziehen. Aber ist das richtig? Schließlich geht es bei der Geste des Trinkgeldgebens um die Anerkennung und Wertschätzung und weniger um den Zahlenwert. So sagte ich denen, die mir ihre Hilfe anboten gleich am Anfang, dass ich jetzt kein Trinkgeld geben kann, was sie verstanden. Es fiel durch diese Situation ganz besonders auf, wie oft in Indien Trinkgeld überreicht wird. Auf einer früheren Indien-Reise hatte ich gelernt, dass es auf Hochzeiten es sogar üblich ist, seinen Gästen Geld zu schenken. Es ist ein Symbol, dem Gast die Anerkennung zu zeigen, an der Feier teilgenommen zu haben. Hier nun gab es die viele Momente, in den Kleingeld als Geste angebracht gewesen wäre.

Ein älterer Herr mit einem Imbiss im Sikhs-Tempel

Außenaufnahme des Tempels

Unser Reiseleiter, Herr Sultan Singh Deol, zeigte uns am ersten Tag einen Sikhs-Tempel in Delhi. Die Sikhs-Gemeinde pflegt ihre alte Tradition, der Gleichberechtigung und Kastenfreiheit aller Menschen unabhängig von Geschlecht, Herkunft und Glaubensorientierung. Man erkennt sie an ihrer Tracht mit Turban, dem langen Bart und manchmal auch dem Schwert, welches in den früheren Jahrhunderten noch der Selbstverteidigung diente. Er gab für unsere Gruppe ein Opfer, welches in Form eines Teiges von Weizen, Zucker und Wasser in gleichen Teilen an die Gemeinschaft übergeben wurde. Als Zeichen des Respektes trugen alle eine Kopfbedeckung, auch wir als touristische Gruppe. Neben dem Saal, in dem sich die Gläubigen zum Gebet trafen, empfand ich das gemeinsame Mittagsessen als besonderes Highlight. Es handelt sich hierbei nicht wie anderen Religionen um eine Speisung an die Armen sondern um das gemeinsame Essen von Arm mit Reich. Jeder spendet Geld oder seine Zeit für die Zubereitung des gemeinsamen Mittagessens.

Vorbereitung des Mittagessens

Die Wok-Töpfe sind entsprechend größer

Es sind gigantisch große Wok-Töpfe, die hier gefüllt werden. Das Tempelgebäude ist ein großer Palast, wo die Helfer bereits begannen, die Teppiche im Speisesaal für das Mittagessen auszurollen, als wir zur Besichtigung anwesend waren.

Uns geht es gut auf der Fahrt. Die Rechungen in den Hotels und Restaurants können mit Karte bezahlt werden und um die Trinkgelder bei den Zwischenstops kümmert sich unser Reiseleiter. Trotzdem brauchen wir Bares, um am geschäftlichen Leben mit den kleinen Straßenhändlern teilzunehmen, und nicht für jede Kleinigkeit und Getränk die volle Wechselgebühr der Karten-Firma zu zahlen. Zwei Tage sollten die Banken geschlossen sein, um dann wieder Geld ausgeben zu können. So steuerten auch wir am Donnerstagabend eine Bank an. Es war spät, jedoch Herr Sultan hatte es geschafft, eine Verlängerung der Öffnungszeiten für seine Reisegruppe zu erreichen. Die Eintrittskarte war eine Fotokopie des Reisepasses und des Visums, um an den Schalter in die Bank zu kommen.

Reiseleiter Herr Sultan Singh Deol lässt seine Reisegruppe ihre Pässe und Visa fotokopieren, wie es von der Bank verlangt wird.

Selfi zur Dokumentation des ersten Reisegeldes: Herr Sultan Singh Deol (links), ich selber (rechts)

Jeder durfte maximal 4000Rupis der alten Währung wechseln lassen. Abheben vom Konto per Karte war unmöglich. Die Leute mit baren 500er und 1000er Rupis aus Deutschland und unser Reiseleiter mit seiner Reisekasse für die Eintrittsgelder konnten so die Tour und weiteren Besichtigungen ermöglichen. Jeder Pass, jedes Visum und jeder Geldschein wurde von zwei Bankangestellten auf Echtheit geprüft und gezählt, um das rationierte Kleingeld von um die 1500Rupis auszugeben. Für die nächsten beiden Tage war damit gesorgt, aber auf einen Geldautomaten am Wegesrand, um abheben zu können, hofften wir alle, denn dieser Tausch in der Bank dauerte mehrere Stunden.

Bargeld aus einem Automaten wurde immer wichtiger

Es war morgens um 8:00 Uhr in einem Wüstendorf auf dem Weg nach Jaisalmer, wo wir ein ATM am Wegesrand entdeckten. Wir stoppten und konnten jeder maximal 2000Rupis abheben. Drei Inder und danach unsere 26 köpfige Reisegruppe waren die einzigen, die hier anstanden. An vielen Automaten zuvor waren die Schlangen so lange gewesen, dass die Polizei für Ordnung sorgen musste. Am Reiseziel angekommen, gehörten wir zu den wenigen, die zahlungsfähig waren. Das Museum preiste die Kleinbeträge für Eintritt auf einheitlich 200Rupi, um an diesen wirtschaftsschwachen Tagen möglichst kein Wechselgeld geben zu müssen und zusätzliche 100er in die Kasse zu bekommen. „Der Mann mit dem Turban und seine Gruppe sind die, welche es geschafft haben, 100er zu bekommen“ bemerkten die Händler auf der Straße. Das soll aber nicht heißen, dass wir in einen Kaufrausch geraten wären, schließlich wusste keiner von uns, wann es einen weiteren Automaten gibt. Die meisten Automaten, die wir auf der Wegstrecke sahen, waren mehr als eine Woche lang entweder geschlossen, oder eine riesige Menschenmenge sammelte sich davor, in der Hoffnung Geld abheben zu können.

16. November 17:00 Uhr in Deogarth gab es dann den nächsten Geldautomaten. Die Schlange
von Indern, war nur noch 20 Personen lang. Einige hatten gleich mehrere Karten aus ihrer Familie mitgebracht. Die 30 Minuten Warten kam uns wie eine Ewigkeit vor, zumal keiner wusste, wie oft der ATM noch ausgibt. Primierminister Modi erlaubte jetzt 2500Rs, der Automat ratterte – geschafft, das kostbare Zahlungsmittel hatte ich in der Hand.

via PressSync

2 Gedanken zu „Auf der Suche nach Bargeld in Indien

  1. Wenn man dies liest, kann man wieder einmal froh sein, wie es eigentlich hier bei uns abläuft. Aber Gott sei Dank hat bei Euch am Ende auch alles ganz gut geklappt.

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